Lebensräume für sich und alle anderen schaffen
Lasst uns zuerst den Begriff „Lebensraum“ definieren. Laut einer Definition von National Geographic ist ein Lebensraum der Ort, an dem ein Lebewesen zu Hause ist und alle notwendigen Voraussetzungen zum Überleben erfüllt sind. Üblicherweise denken wir beim Begriff Lebensraum an Wildtiere, aber auch der Mensch hat bestimmte Kriterien für seinen Lebensraum.
Auf der Webseite von ENVIRONMENT AND ECOLOGY und auch von der UN wird der Lebensraum des Menschen als „… die Umgebung, in der der Mensch existiert und interagiert. Ein Haus zum Beispiel ist ein menschlicher Lebensraum, in dem Menschen schlafen und essen“ beschrieben. 1
Indem wir Raum für uns selbst und für alle jene schaffen, die wir gerne in unseren Garten einladen möchten, können wir sowohl unsere Anforderungen als auch jene der Wildtiere erfüllen.
Eines der interessantesten Gartengestaltungskonzepte ist die Unterteilung des Gartens in unterschiedliche Bereiche oder, in unserem Fall, in Lebensräume. Diese Bereiche verleihen dem Garten Attraktivität und eine gewisse Tiefe.
Die Nähe zum Haus, die Ausrichtung, die Himmelsrichtungen und die Verfügbarkeit von Licht und / oder Schatten bestimmen, wie der Raum aufgeteilt werden kann.
Je nachdem, wie diese Räume angelegt sind, ist es in der Regel nicht möglich, jeden einzelnen Bereich von überall aus zu sehen, was das Geheimnisvolle und die wahrgenommene Grösse des Gartens erhöht.
Eine Verbindung zwischen den Lebensräumen könnte durch natürlich geschwungene Wege sowie durch Elemente wie Lauben oder kleine Bachläufe geschaffen werden, um einen natürlichen Fluss und ein Gefühl für den Ort zu vermitteln.
Darüber hinaus können wir mit unseren Gärten auch für kleine Säugetiere Verbindungswege schaffen. Wenn wir Tieren wie dem Igel eine Pause in der Stadt gönnen möchten, müssen wir ihnen auch einen sicheren Weg innerhalb des Ökosystems bieten.
Dabei sollten wir unsere Gärten nicht als isolierte Grünflächen betrachten, sondern sie als wichtiges Verbindungselement innerhalb des grösseren Ökosystems Stadtwald handhaben.
Während wir die Verwaltung dazu auffordern können, mehr Schutzmassnahmen zu ergreifen, können wir auch durch unser eigenes Handeln eine Umgebung schaffen, in der die Artenvielfalt gedeihen kann.
Lebensräume für alle und jeden:
Pflanzen
Pflanzen wie Bäume, Sträucher und Stauden sind ein wesentlicher Bestandteil eines Gartens, der zum Wohlbefinden der Menschen und Tiere beiträgt. Nicht nur erhalten sie eine grosse Artenvielfalt und erbringen Ökosystemleistungen, die dem menschlichen Wohlbefinden zugute kommen, sie tragen auch wesentlich dazu bei, Lebensräume zu schaffen und Wildtieren Futter zu bieten. Um spezifische Bedürfnisse zu befriedigen, müssen die Pflanzen in jedem Bereich einzeln betrachtet werden.
Während einheimische Pflanzen stets zu bevorzugen sind, sind urbane Gärten besonderen Herausforderungen wie hoher Luftverschmutzung ausgesetzt, die ihre Überlebensfähigkeit einschränken können.
Bei der Pflanzenwahl ist es wichtig, invasive Arten zu vermeiden, also solche, die sich leicht vermehren und den Garten überwuchern. Hierzu gehören auch einige einheimische Pflanzen wie der Spitzahorn (Acer platinoides) oder die Europäische Stechpalme (Ilex aquifolium).
Beim Kauf von Stauden ist ausserdem darauf zu achten, entweder Arten oder Kultivare zu wählen, die nicht steril sind und keine gefüllten Blüten haben, was durch den Begriff Flore Pleno im Namen der Kultivare erkennbar ist. Um die gefüllten Blüten zu erzeugen, wurden die Nektarien entfernt, so dass diese Blüten den besuchenden Bestäubern weder Nektar noch Pollen bieten.
Pflanzenteile können auch dann genutzt werden, wenn sie nicht mehr leben. Abgefallene Blätter und abgestorbene Stiele können Nistmöglichkeiten und Überwinterungsräume bieten. Nicht mehr lebende Bäume können in gefällter Form als Baumstümpfe erhalten bleiben, die eine grosse Artenvielfalt beherbergen. Auch Stämme können eine ähnliche Vielfalt an Insekten und wirbellosen Tieren beherbergen. Bei der Schaffung von Lebensräumen für Wildtiere ist es wichtig, zugunsten des Zugangs zu natürlichen Ressourcen auf Ordnung zu verzichten.
Menschlicher Lebensraum
Für uns ist Rasen womöglich ein wesentlicher Bestandteil unseres Wunschgartens, doch bringt er eine Reihe von Problemen mit sich. Dazu gehören ein hoher Pflegeaufwand in Form von Düngung, Belüftung und Bewässerung sowie der Einsatz von Herbiziden zur Unkrautbekämpfung und ein Mangel an Unterstützung für die Vielfalt, da er keine Nahrung für andere Lebensformen bietet.
Auch Bäume und Sträucher, die an Rasenflächen grenzen, werden von möglichst wenig Rasen profitieren. Rasen verlangt einen hohen pH-Wert, während die meisten unserer Bäume und Sträucher einen sauren bis neutralen pH-Wert bevorzugen.
Bestäuber
Einheimische Bienen, Schmetterlinge, Motten und Fliegen sind allesamt Bestäuber verschiedenster Pflanzenarten. Auch wenn wir unser Augenmerk auf die Bienen richten, haben die Bestäuber alle ähnliche Bedürfnisse: saisonal blühende Pflanzen als kontinuierliche Nektar- und Pollenspender, sauberes Wasser und Nistplätze. Ziehen Sie in Erwägung, einheimischen Bienen Nistplätze mithilfe von Bienenhäusern (z.B. von einer Organisation wie Wildbiene + Partner zur Verfügung zu stellen. Diese sind mit Brut, Informationen zur Platzierung sowie Futterpflanzen ausgestattet. Hummeln sind Bodenbrüter, die man leicht unterbringen kann, indem man kleine Flächen etwas verwildern lässt und den Boden mit Blättern und Zweigen bedeckt. Schmetterlinge werden von gewöhnlichen Stauden wie Aster, Lavendula oder Viola angelockt.
Der USDA Forest Service hat eine Liste mit spezifischen Pflanzenmerkmalen für Bestäuber erstellt, die weltweit überall dort angewendet werden kann: https://www.fs.usda.gov/wildflowers/pollinators/What_is_Pollination/syndromes.shtml
Winter period
Auch während der Wintermonate benötigen unsere wildlebenden Bewohner Unterstützung. BirdLife Schweiz hat eine umfassende Ressource mit vielen Vorschlägen für die Schaffung von Nist- und Überwinterungsplätzen als PDF erstellt Nisthilfen für Tiere in Siedlungsraum, Feld, Wald und Gewässer
Vögel
Vogelarten, die normalerweise Waldgebiete bevölkern, sind aufgrund von Störfaktoren und des Verlusts einheimischer Lebensräume in städtische Gärten und Parks ausgewichen. Indem wir eine sichere Umgebung für sie schaffen, können unsere Gärten diese Auswirkungen eindämmen und wichtige Lebensräume bieten:
Fütterungsstationen
Fütterungsstationen können Vögel in den Garten locken und sie mit lebenswichtigem Futter versorgen. Der ideale Zeitpunkt für den Beginn der Fütterung ist im Oktober, wenn das Angebot an Samen und Fluginsekten zurückgeht. Die Fütterung sollte den ganzen Winter über bis ins Frühjahr hinein fortgesetzt werden und erst dann enden, wenn die Jungvögel flügge geworden sind. Ungeschälte Sonnenblumenkerne sind sehr nahrhaft und werden von den meisten in städtischen Gärten vorkommenden Vogelarten wie Kohlmeisen, Blaumeisen, Hausspatzen und Kleibern sehr gern gefressen.
Nistplätze
Manche Vögel bevorzugen Baumhöhlen zum Nisten, aber die meisten Vögel, die unsere Gärten besuchen, bevorzugen Nistkästen. Diese müssen an geeigneten Stellen wie Bäumen angebracht sein und den Vögeln einen sicheren Ort zum Nisten und zur Aufzucht ihrer Jungen bieten.
Sobald feststeht, welche Vogelarten die Gärten in Ihrer Umgebung aufsuchen, können Sie über die Seite https://www.biogarten.ch/de-ch/gartenthemen/gartenwelten/biodiversitaet/nisthilfen-fuer-voegel bestimmen, welche Nistkästen für Sie in Frage kommen.
Gut gestaltete Nistkästen weisen folgende Merkmale auf:
- Hergestellt aus unbehandeltem Holz (Kiefer, Zeder oder Tanne)
- Holz für Wände, das mindestens 2 cm dick ist, um die Isolierung zu gewährleisten
- Ein Eingang von angemessener Grösse, damit die gewünschten Vögel einfliegen können, grössere Vögel aber draussen bleiben
- Ein Eingang, der den richtigen Abstand zum Boden hat, um das Nest zu beherbergen
- Ein verlängertes und geneigtes Dach, das vor Regen schützt
- Ein vertiefter Boden und Entwässerungslöcher, um den den Innenraum trocken zu halten
- Raue oder gerillte Innenwände, um den Jungvögeln den Ausstieg zu erleichtern
- Belüftungslöcher, damit der Innenraum kühl bleibt
- Eine seitliche oder obere Klappe, um einen einfachen Zugang zur Überwachung und Reinigung zu ermöglichen
- Keine Sitzstangen an der Aussenseite, die Raubtiere und andere lästige Vögel beim Aufstieg helfens 2
Kleine Säugetiere
Die Urbanisierung hat das Fortbestehen von Kleinsäuger-Populationen, wie z. B. Igeln, sehr erschwert. Wenn Ihr Garten auch kleine Säugetiere beherbergen soll, finden Sie hier einige Vorschläge, wie Sie diese am besten unterbringen können:
Futter
Man kann Igeln eine Menge anbieten, um ihre normale Ernährung mit Regenwürmern, Raupen, Laufkäfern und anderen Insekten zu ergänzen. Wenn Ihr Boden ein lebendiger Organismus ist, wird es ausserhalb des Winters ein reichhaltiges Angebot an Igelfutter hergeben. Zur Unterstützung vor dem Winterschlaf können Sie den Tieren zusätzliche Nahrung anbieten, aber es ist wichtig, dass Sie Dinge anbieten, die keine unerwünschten Nagetiere und Raubtiere anlocken; getrocknete Rosinen und Johannisbeeren sind eine ausgezeichnete Wahl. Legen Sie sie jeden Abend auf eine zugängliche, leicht erhöhte Steinfläche, damit die Igel über die Wintermonate gut genährt sind. Sie können auch überlegen, ob Sie sie während des Winters auslegen, da sie nicht ständig Winterschlaf halten.
Überwinterungsplätze
Bei der Schaffung von Lebensraum für Igel ist es wichtig, einen kleinen ungestörten Bereich mit einem kleinen Laub- oder Asthaufen zu schaffen. Diese natürlichen Elemente bieten den Igeln einen Platz für eine ungestörte Ruhephase. Hängen Sie ein Schild mit der Aufschrift „NICHT STÖREN“ auf, da die Störung des Winterschlafs zu einem dauerhaften Energieverlust führt.
Über die Autorin:
Naomi Zürcher ist praktizierende Urban Forester, Consulting Arborist und Chartered Environmentalist mit über 40 Jahren Berufserfahrung in ihrer Heimat New York und nun auch in der Schweiz. Ihre Arbeit umfasst das gesamte Spektrum der Urban Forestry und -verwaltung, sowohl in der Praxis als auch in der angewandten Forschung. Sie ist als Programmmanagerin, Gastdozentin, eingeladene (Co-)Autorin und assoziiertes Mitglied des i-Tree-Teams sowie anderer internationaler Netzwerke tätig.
Referenzen:
- http://environment-ecology.com/what-is-habitat.html ↩︎
- https://www.nwf.org/Garden-for-Wildlife/Young/Nesting-Box ↩︎
Illustrationen:
- Angela Melody Kummer © Reforestation World