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Alain Jacot

Leiter Internationaler Vogelschutz, Schweizerische Vogelwarte

Natürliche Wiederbewaldung, Restoration

Zugvögel, wie jene, die jedes Jahr zwischen der Schweiz und Afrika reisen, brauchen gesunde Ökosysteme. Die Arbeit von Alain Jacot und der Vogelwarte befasst sich mit der Wiederherstellung und Verbesserung von Lebensräumen entlang der Zugwege, der Förderung einer nachhaltigen Landnutzung und der Erholung der Vogelbestände.

Wälder tauchen in Ihrer Arbeit immer wieder auf. Warum sind sie für Vögel – insbesondere für Zugvögel – so wichtig?

Wälder und Baumsavannen sind während des gesamten Jahreszyklus und entlang der Zugrouten unverzichtbare Lebensräume für Zugvogelarten. Diese Routen reichen von Berg- und Tieflandwäldern in der Schweiz bis zu offenen Buschlandschaften und Baumsavannen in Subsahara-Afrika. Entlang dieser Achse bieten diese Lebensräume Brutplätze, Rastgebiete und lebenswichtige Nahrungsplätze.

Leider stehen viele dieser Waldökosysteme stark unter Druck durch menschliche Aktivitäten wie intensive Landnutzung oder Abholzung. Der Schutz von Wäldern und ihre nachhaltige Nutzung ist daher entscheidend, wenn Zugvögel auch künftig die Lebensräume vorfinden sollen, die sie während ihres gesamten Lebenszyklus benötigen.

Ihre Projekte reichen von der Schweiz bis nach Westafrika und von Schutzgebieten bis hin zu Agrarlandschaften. Wie entscheiden Sie, wo Sie tätig werden?

Dank der Forschungsarbeit meiner Kolleginnen und Kollegen an der Schweizerischen Vogelwarte verfügen wir heute über sehr gute Kenntnisse der Zugrouten und Zugmuster vieler Arten. Miniaturisierte Sender waren dabei ein echter Durchbruch. Sie ermöglichen es uns, viel besser zu verstehen, welche Lebensräume besonders wichtig sind, insbesondere in den Überwinterungsgebieten und während des Zugs.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse helfen uns zu erkennen, wo Massnahmen den grössten Unterschied machen können. Viele ziehende Landvögel ziehen nicht entlang enger Korridore, sondern über eine breite Front und sind meist nicht auf einzelne Schutzgebiete angewiesen sondern auf die grossräumigen Landschaften, die von Menschen genutzt und gestaltet werden. Deshalb konzentrieren wir uns auf Landnutzungsformen, die sowohl der Biodiversität als auch der lokalen Bevölkerung zugutekommen. Langfristiger Naturschutz funktioniert nur, wenn auch die Menschen davon profitieren.

Bewegen sich Vögel tatsächlich zwischen „Ihren“ Projektgebieten in Europa und Afrika?

Das wäre natürlich fantastisch! Und auch wenn wir das derzeit noch nicht eindeutig mit Daten belegen können, ist es sehr wahrscheinlich. Eine Nachtigall, die in einem geschützten Auenwald am Neuenburgersee brütet, könnte durchaus renaturierte Weideausschlussflächen in der Sahelzone nutzen, um ihre Energiereserven für den anspruchsvollen Weiterzug aufzufüllen.

Die Vorstellung, dass ein einzelner Vogel so weit entfernte Landschaften miteinander verbindet, ist zugleich beeindruckend und motivierend.

Der Zug über tausende Kilometer klingt extrem anspruchsvoll. Wie stark sind die Vögel auf diese wiederhergestellten Lebensräume angewiesen?

Der Vogelzug ist eine extreme Herausforderung. Die Vögel legen tausende Kilometer unter oft sehr schwierigen Bedingungen zurück und überwinden dabei Barrieren wie das Mittelmeer und die Sahara. Umso wichtiger sind intakte Lebensräume mit ausreichenden Nahrungsressourcen als Rastplätze entlang der Zugrouten.

In Burkina Faso können wir aufzeigen, dass kleinräumige Lebensraumrenaturierungen, die von Bauernfamilien gemeinsam mit den NGOs newTree (Schweiz) und tiipaalga (Burkina Faso) umgesetzt werden, zahlreiche Vorteile haben. Diese wiederhergestellten Lebensräume fördern sowohl lokale Vogelarten als auch Zugvögel wie den Gartenrotschwanz oder die Nachtigall, verbessern die Lebensgrundlagen der Bauern durch vielfältige Ökosystemdienstleistungen, tragen durch Kohlenstoffspeicherung zum Klimaschutz bei und können das Jahreseinkommen der beteiligten Bauernfamilien oft mehr als verdoppeln.

Menschliche Landnutzung ist oft eine Ursache ökologischer Probleme. Wie binden Sie Menschen in Renaturierungsprojekte ein?

Die menschliche Landnutzung spielt in vielen Ökosystemen eine Schlüsselrolle. Nachhaltige Lösungen müssen daher immer die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen. Diese unterscheiden sich je nach Kontext stark: von der Bewahrung kulturellen Erbes in traditionellen Kastanienhainen in der Schweiz bis hin zur Wiederherstellung von Baumsavannen in Burkina Faso, in denen jeder Baum und jeder Strauch für die Bauernfamilien eine klar definierte Funktion erfüllt – sei es für die Bodenfruchtbarkeit, als Schattenspender, für Nahrung oder für medizinische Zwecke.

Arbeiten über Kontinente hinweg klingt komplex. Wo liegen die grössten Schwierigkeiten?

Von aussen betrachtet wirken internationale Projekte oft sehr kompliziert. In der Realität arbeiten unsere lokalen Partnerorganisationen jedoch höchst professionell und sind gut an die anspruchsvollen Bedingungen angepasst. Es gibt sogar eine grosse Nachfrage seitens der Bauernfamilien nach solchen Projekten.

Renaturierungsmassnahmen können jedoch nur umgesetzt werden, wenn die NGOs auch die notwendige Ausbildung und langfristige Begleitung der Familien sicherstellen können.

Wie wichtig ist internationale Zusammenarbeit für den Schutz von Zugvögeln?

Internationale Zusammenarbeit ist zentral. Genau deshalb arbeitet wir an der Schweizerischen Vogelwarte auf verschiedenen Ebenen. Wir koordinieren den Afrikanisch-Eurasischen Aktionsplan für ziehende Landvögel (AEMLAP) im Rahmen der UN‑Konvention zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten (CMS) und arbeiten gleichzeitig direkt mit Kakaokooperativen in der Elfenbeinküste und mit Bauernfamilien in Burkina Faso zusammen.

Von globalen Abkommen bis hin zu lokalem Handeln – jede Ebene ist wichtig, um langfristige Wirkung zu erzielen.

Sharing knowledge with local communities © Alain Jacot
Der Austausch von Wissen und die Einbindung lokaler Gemeinschaften in Naturschutz- und nachhaltige Landnutzungsmassnahmen sind unerlässlich © Alain Jacot
Was ist für Sie persönlich besonders erfüllend an dieser Arbeit – und was ist die grösste Herausforderung?

Besonders erfüllend ist für mich die Arbeit an Lösungen, von denen Menschen und Biodiversität gleichzeitig profitieren.

Multifunktionale Landschaften sind nachhaltig, widerstandsfähig und wirkungsvoll. Zudem ist es sehr inspirierend zu sehen, wie Zugvögel Länder, Ökosysteme und Menschen miteinander verbinden und uns vor Augen führen, wie stark alles miteinander verknüpft ist.

Die grösste Herausforderung ist die Finanzierung, vor allem, um erfolgreiche Ansätze in grösserem Massstab umzusetzen. Das braucht Ressourcen für Schulungen, Beratung und kontinuierliche Unterstützung, damit Lösungen vor Ort angepasst werden und langfristig funktionieren.

Mit Blick auf Klimawandel und zunehmenden Druck auf Ökosysteme: Sind Sie optimistisch?

Auch wenn der menschliche Druck auf Ökosysteme, insbesondere im Zusammenhang mit dem Klimawandel, weiter zunehmen dürfte, bin ich zuversichtlich. Nachhaltige Landnutzungssysteme liegen im Interesse aller Beteiligten und haben daher gute Chancen, sich langfristig durchzusetzen, auch zum Vorteil der Zugvögel.

Und zum Schluss: Was kann jede und jeder Einzelne von uns tun?

Wir alle können eine nachhaltige Landnutzung unterstützen. Viele Produkte des täglichen Lebens, von Lebensmitteln wie Schokolade über Kleidung bis hin zu Holzmöbeln, sind von natürlichen Ressourcen abhängig. Bewusste Kaufentscheidungen, ob im kleinen Laden oder im Supermarkt, können direkt Positives bewirken, indem sie NGOs, Kooperativen und Bauernfamilien unterstützen, die sich für nachhaltigere Praktiken einsetzen.

Und natürlich können wir NGOs auch direkt unterstützen, insbesondere jene, die sich dafür einsetzen, dass Lebensräume so bewirtschaftet werden, dass Menschen und Wildtiere gleichermassen davon profitieren.